Die Nettetalbahn — Derneburg bis Seesen
Die Geschichte einer Landschaftsbahn, die den Ambergau erschloss, ein Industrierevier versorgte und am Ende als Erinnerung durch das Nettetal zieht.
Eine Bahn für den Ambergau
Der Ambergau — jene sanfte Hügellandschaft westlich des Harzes, durchzogen vom kleinen Flüsschen Nette — gehörte lange zu den eisenbahnarmen Gebieten des Herzogtums Braunschweig. Zwar durchschnitt seit 1875 die Bahnstrecke Hildesheim–Goslar die Region bei Derneburg, doch das Nettetal selbst, mit den Orten Bockenem, Bornum und dem entlegenen Seesen, lag abseits der großen Verkehrsströme.
Dies änderte sich mit der Braunschweigischen Landes-Eisenbahn-Gesellschaft (BLE). 1884 gegründet, um die ländlichen Räume des Herzogtums zu erschließen, nahm sie sich des Nettetals an. Das Ergebnis war eine 31 Kilometer lange Nebenbahn, die von Derneburg aus südwärts bis Seesen führte — und die heute als Nettetalbahn bekannt ist.
Derneburg: Der Schlüsselbahnhof
Derneburg war kein gewöhnlicher Bahnhalt. Als der Bahnhof 1875 an der Strecke Hildesheim–Goslar eröffnet wurde, verdankte er seinen Namen dem nahe gelegenen Schloss: Fürst Georg Herbert zu Münster überließ der Hannover-Altenbekener Eisenbahn-Gesellschaft das Gelände kostenlos — unter der Bedingung, die Station nach seinem Besitz zu benennen. Er und seine Nachfahren erhielten sogar das Privileg, Züge außerplanmäßig halten zu lassen.
Als die BLE 1886 von Braunschweig her eintraf, wurde Derneburg zum Trennungsbahnhof. Und als die Nettetalbahn 1887 in Richtung Bockenem weiterfuhr, war Derneburg vollends zum Knotenpunkt geworden — dem Tor zwischen der Industrieregion Salzgitter und dem landwirtschaftlichen Ambergau.
Etappenweiser Ausbau der Nettetalbahn
In zwei Schritten erreicht die Nettetalbahn zunächst Bockenem (11 km) und kurz darauf Bornum am Harz (15,7 km). Die Strecke folgt dem Flüsschen Nette mit Halten in Wohldenberg, Nienhagen und Schlewecke. Entlang der Strecke sichern Ziegeleien in Sottrum und Nienhagen sowie eine Zementfabrik in Schlewecke den Güterverkehr. In Bornum gibt es eine Gießerei, die später zur Wilhelmshütte wird.
Die Nettetalbahn ist vollständig. Die BLE errichtet in Seesen einen eigenen Bahnhof, rund 400 Meter nordöstlich des preußischen Staatsbahnhofs — noch heute erinnert die Straße „An der Landesbahn" daran. Die Verbindung zu den Staatsbahnen in Seesen wird nur für den Güterverkehr eingerichtet. In Bornhausen werden Braunkohle und Quarzsand abgebaut; diese Rohstoffe zählen fortan zu den Gütern der Strecke.
Vom Rangierbahnhof Rothenberg bei Groß Rhüden zweigt eine Anschlussbahn zu den Kaliwerken Carlsfund und Hermann II ab. Die Gewerkschaft Carlsfund wird zum bedeutendsten Güterkunden der gesamten Nettetalbahn. Als die Kalilagerstätten in den 1920er Jahren erschöpft sind, bricht ein wesentlicher Teil des Güterverkehrs weg — 1928 wird die Anschlussbahn stillgelegt.
Wirtschaftliche Bedeutung
Die Nettetalbahn erschloss eine Region, in der Landwirtschaft und Industrie eng verzahnt waren. Zuckerfabriken, Ziegeleien und eine Zementfabrik in Schlewecke, Kalibergbau in Groß Rhüden, Braunkohle in Bornhausen — all diese Betriebe verdankten ihren Anschluss an die überregionale Wirtschaft der BLE. Die Kaliwerke Carlsfund und Hermann II wurden die wichtigsten Güterkunden der gesamten Strecke.
Landschaft und Trassierung
Die Nettetalbahn ist eine typische Erschließungsbahn: kurvenreich, mit geringen Geschwindigkeiten, dafür landschaftlich reizvoll. Sie folgt dem Flüsschen Nette nahezu auf dem gesamten Abschnitt zwischen Derneburg und Bornum. In Derneburg selbst musste jeder durchgehende Zug die Fahrtrichtung wechseln — die Strecken aus Braunschweig und in Richtung Seesen lagen topografisch bedingt im stumpfen Winkel zueinander.
Niedergang und Autobahn
Ein besonderer Nachteil der Strecke war ihre Lage: Die Nettetalbahn verlief über weite Abschnitte nahezu parallel zur Bundesautobahn 7. Dieser strukturelle Wettbewerbsnachteil machte eine wirtschaftliche Fortführung immer schwieriger. Nachdem der Personenverkehr schrittweise auf fünf Zugpaare pro Tag reduziert und ab 1982 auf Wochentage beschränkt worden war, fuhr am 25. Mai 1990 der letzte planmäßige Personenzug.
Verstaatlichung und Bundesbahn
Mit der Verstaatlichung der BLE am 1. Januar 1938 änderten sich die Betriebsverhältnisse auf der Nettetalbahn grundlegend. Die Personenzüge fuhren nun bis in den Seesener Staatsbahnhof; zeitweilig wurden sogar durchgehende Verbindungen von Hildesheim über Bockenem, Seesen und Osterode am Harz nach Herzberg angeboten.
In den folgenden Jahrzehnten bediente die Deutsche Bundesbahn die Strecke mit einer bunten Mischung aus Fahrzeugtypen: Akkutriebwagen der Baureihe 515, Wendezüge mit Dieselloks der Baureihe 212 und die markanten Dieseltriebwagen der Baureihe 614. Mit fünf Zugpaaren täglich war das Angebot in den 1970er Jahren bereits auf ein Minimum geschrumpft.
1984, als die Stammstrecke von Salzgitter-Lebenstedt nach Derneburg aufgegeben wurde, verlor die Nettetalbahn auch ihren direkten Anschluss an das größere Netz. Nun war Derneburg nur noch über die Strecke Hildesheim–Goslar erreichbar.
Das Ende — und ein neuer Anfang
Am 25. Mai 1990 fuhr der letzte planmäßige Personenzug auf der Strecke Derneburg–Seesen. Eisenbahnfreunde begleiteten das Ereignis mit einer Abschiedsfahrt. Der Güterverkehr lief noch bis zum 31. Dezember 1995; zum 1. Januar 1996 wurde die Strecke offiziell stillgelegt. Der Abschnitt südlich von Bornum ist heute weitgehend abgebaut; im Bereich Rhüden–Bornhausen erinnert ein Radwanderweg auf der alten Bahntrasse an die einstige Verbindung.
Was blieb, war ein 16 Kilometer langer Stummel zwischen Derneburg und Bornum am Harz. Die auf Korrosionsschutz für Kesselwagen spezialisierte HAW Linings GmbH in Bornum pachtete den Abschnitt 1996 als Werksanschluss und sorgt seither für den regelmäßigen Güterverkehr.
Auf diesen 16 Kilometern bewahrt die Dampfzug-Betriebs-Gemeinschaft e.V. das Erbe der Nettetalbahn — mit dem historischen Reichsbahnzug von 1928, mit offenen Plattformwagen und dem charakteristischen Klang von Dampf und Schiene im Nettetal.
Stationen und ihre Geschichte
Knotenpunkt und Richtungswechsel. Nahe Schloss Derneburg — heute Standort der Hall Art Foundation mit bedeutender Gegenwartskunst. Aktiv an der Strecke Hildesheim–Goslar (RE 10).
Bedarfshalt der Museumsbahn. Nahe der mittelalterlichen Burg Wohldenberg auf dem gleichnamigen Höhenzug — ein beliebtes Ausflugsziel mit Bergfried und weitem Blick über den Ambergau.
Bedarfshalt. Früher Standort einer Ziegelei, die zu den Güterkunden der BLE zählte. Der Ortsname weist auf die früheren Erlenwälder hin, die das feuchte Nettetal prägten.
Bedarfshalt. Standort einer Zementfabrik, die über Jahrzehnte Güter auf der Nettetalbahn transportierte. Das Werk nutzte die günstige Lage zwischen Kalksteinvorkommen und Bahnanschluss.
Haupthalt und ehemaliger Bahnhof — heute Endpunkt im Regelfahrplan der Museumsbahn. Bockenem ist bekannt für das Turmuhren- und Heimatmuseum mit der Geschichte der Turmuhrenfabrik Weule.
Bedarfshalt zwischen Bockenem und Bornum. Kleines Harzvorlanddorf, das durch die Nettetalbahn seinen einzigen direkten Bahnanschluss erhielt.
Heutiger Endpunkt — Startbahnhof der Dampfzug-Betriebs-Gemeinschaft. Standort der HAW Linings GmbH, die den Streckenstummel Derneburg–Bornum als Werksanschluss betreibt und die Strecke damit lebendig hält.
Stillgelegte Abschnitte seit 1996. Die Bahntrasse zwischen Rhüden und Bornhausen dient heute als Radwanderweg — Teil des Ambergau-Radwegs, der parallel zur alten Bahntrasse von Derneburg nach Seesen führt.
Museumsbahn Derneburg – Bornum
Mehrmals jährlich fährt der historische Reichsbahnzug von 1928 durch das Nettetal. Zugstrecke: Derneburg → Wohldenberg* → Nienhagen* → Schlewecke* → Bockenem → Königsdahlum* → Bornum am Harz. (* Bedarfshalt)
Lokomotiven: Dampflok 89 7513 (Bj. 1912) und Diesellok HAW 9 (Bj. 1966)
Strecke Derneburg – Seesen
| Eröffnung | 1887–1889 (etappenweise) |
| Gesamtlänge | 31 km (Derneburg–Seesen) |
| Spurweite | 1435 mm (Normalspur) |
| Letzter Planzug | 25. Mai 1990 |
| Stilllegung | 1. Januar 1996 (Bornum–Seesen) |
| Heute erhalten | 16 km (Derneburg–Bornum) |
Der erhaltene Streckenabschnitt
Interaktive Streckenchronik
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